Tamara Poeschke, Heilpraktikerin, Kinder- und Jugendcoach, Seelensorge, Begleitung nach der Scheidung, Unterstützung bei Co-Elternschaft
Scheidung im Islam und die Rechte der Frau
Scheidung im Islam und die Rechte der Frau

Ein Schicksal, das betroffen macht

Fatima ist Mutter von drei Kindern. Jahrelang lebte sie in einer gewaltsamen Ehe, bis sie sich schließlich zur Trennung entschloss. Doch ihr Ex-Mann konnte den Verlust nicht verkraften. Aus verletztem Stolz und ohne jede Selbstreflexion begann er, um jeden Preis gegen sie vorzugehen.
Mit einem Ziel: ihr die Kinder zu entziehen.

Trotz der bekannten Vorgeschichte und der Hinweise auf sein Verhalten folgte das Jugendamt seiner Darstellung. Heute leben die Kinder nicht mehr bei ihrer Mutter, sondern in einem Heim.

Fatima darf sie nur alle zwei Wochen für zwei Stunden sehen. Dabei ist sie eigentlich die Leidtragende, die Gewalt erfahren hat und Schutz bräuchte. Mittlerweile erkennen auch die Behörden, dass der Vater das eigentliche Problem darstellt. Doch für die Kinder bedeutet das wenig: Sie haben ihre gewohnte Umgebung verloren, ihre Mutter ist nur noch Besucherin. Und das, obwohl sie nichts sehnlicher wünschen, als wieder bei ihr zu sein.
(eine echter Fall – Name geändert)

Das Schicksal von Fatima ist kein Einzelfall. Es zeigt, wie sehr verletzter Stolz, gesellschaftlicher Druck und institutionelle Fehlentscheidungen das Leben von Frauen nach einer Trennung
belasten können.

Gleichzeitig macht es deutlich, wie weit diese Realität oft von den Prinzipien entfernt ist, die der Islam selbst vorgibt:

Gerechtigkeit, Schutz der Schwächeren und die Wahrung der Würde der Frau, in der Ehe wie auch nach einer Scheidung.

Die Rolle der Frau in Ehe und Familie

Im Islam genießt die Frau einen hohen Stellenwert und besitzt eigenständige Rechte, auch innerhalb der Familie. Der Koran betont die gegenseitige Achtung und Unterstützung von Mann und Frau in der Ehe.

Während Männer traditionell für den finanziellen Unterhalt sorgen,
übernehmen Frauen häufig die Fürsorge für Kinder und Haushalt.

Doch diese Rollenverteilung ist nicht verpflichtend: Frauen dürfen arbeiten und über ihr eigenes Einkommen frei verfügen.
Somit kann die Frau ihr Geld für sich nutzen, während das Geld des Mannes für die Familie ist.

Der Prophet Muhammad (Frieden und Segen auf ihm) gilt dabei als Vorbild. Er unterstützte seine Familie aktiv im Haushalt und unterstrich so, dass die Ehe von Respekt und Partnerschaft
geprägt sein sollte.

Scheidung: Erlaubt, aber unerwünscht

Scheidung ist im Islam erlaubt, gilt jedoch als das „verhassteste“ der erlaubten Dinge, bei Allah.

Der Ablauf ist klar geregelt, insbesondere durch die ʿIdda (Wartezeit), die Raum für Überlegung und mögliche Versöhnung bietet.
Das Recht zur Scheidung liegt traditionell beim Mann. Dennoch kann auch die Frau die Trennung einleiten, etwa bei Misshandlung, Vernachlässigung, emotionaler Erpressung oder wenn der
Mann seinen Unterhaltspflichten nicht nachkommt. In diesen Fällen spricht man von einer Khulʿ-Scheidung, die meist mit einer Ausgleichszahlung an den Ehemann verbunden ist.

Respektvoller Umgang mit Geschiedenen

Der Koran und die Sunna fordern ausdrücklich, geschiedene Frauen mit Würde zu behandeln.

Die Gemeinschaft trägt die Verantwortung, sie sozial abzusichern und vor Benachteiligung zu schützen. Zahlreiche Koranverse, wie Sure 2:228 oder Sure 4:19, betonen die gegenseitigen Rechte und den respektvollen Umgang, auch nach einer Trennung.

Konfliktstufen in der Ehe

Der Islam unterscheidet drei Eskalationsstufen von Ehekonflikten:

  • Phase 1 – Win-Win:
    Konflikte sind klein und lassen sich durch Gespräche, Verständnis und Kompromisse lösen.
  • Phase 2 – Win-Lose:
    Spannungen eskalieren, eine Partei dominiert. Vermittlung oder Beratung wird notwendig.
  • Phase 3 – Lose-Lose:
    Die Beziehung ist schwer beschädigt, beide Seiten verlieren. Professionelle Unterstützung wie Mediation oder Therapie ist dringend erforderlich.

Diese Einteilung hilft, Konflikte früh zu erkennen und gegenzusteuern, bevor sie unlösbar erscheinen.

Debatten in den sozialen Medien

Besonders in den sozialen Medien fällt auf, wie stark und oft hasserfüllt über das Thema Scheidung im Islam diskutiert wird. Auf Plattformen wie Instagram und insbesondere TikTok zeigt
sich, dass viele Stimmen aus der männlichen Perspektive geprägt sind, häufig mehr von Tradition als von Religion. Dabei wird schnell mit Begriffen wie „halal“ und „haram“ argumentiert, ohne den Blick für die eigentlichen Umstände zu öffnen.

Die Frauen, die ich begleite, gehören nicht zu jenen, die sich leichtfertig scheiden lassen wollen.
Im Gegenteil: Ihren Entscheidungen liegen stets triftige und zugleich religiös legitime Gründe zugrunde vor wie etwa: Misshandlung, Vernachlässigung oder die Verletzung von Unterhaltspflichten.

Dennoch erleben sie, dass vorschnell geurteilt wird. Außenstehende sehen oft nur das Ergebnis, die Scheidung, ohne die lange Vorgeschichte und die Belastungen zu kennen, die dazu geführt haben.

Natürlich, muss auch an dieser Stelle gesagt werden: Es gibt auch Frauen, die in einer Trennung nicht respektvoll handeln.
Sowohl eine Ehe wie auch eine Scheidung sind immer das Ergebnis von zwei Menschen. Beide tragen Verantwortung, genauso wie bei der Hochzeit zwei Menschen „Ja“ sagen müssen, gehört bei einer Trennung auch beiden Seiten ein Teil der Geschichte.

Herausforderungen für geschiedene Frauen

Trotz der klaren Schutzrechte im Islam stehen geschiedene Frauen in vielen Gesellschaften vor  erheblichen Hürden. 

  • Soziale Stigmatisierung:
    Geschiedene Frauen gelten oft als „gescheitert“ und werden  gesellschaftlich isoliert. 
  • Traditionelle Machtverhältnisse:
    Traditionelle Rollenbilder schränken ihre  Selbstbestimmung ein, oft bleiben sie abhängig von männlichen Familienmitgliedern.
  • Rechtliche und wirtschaftliche Nachteile:
    Obwohl der Islam Schutzrechte vorsieht,  werden diese durch konservative Auslegungen oder eingeschränkte staatliche  Unterstützung oft nicht umgesetzt. Das betrifft Sorgerecht, Erbrecht und finanzielle  Sicherheit. 

Diese Hindernisse entstehen weniger aus der Religion selbst, sondern aus kulturellen  Traditionen, die teils strenger wirken als die islamischen Vorschriften. Maßstab für Gerechtigkeit  müssen jedoch Koran und Sunna bleiben, nicht gesellschaftliche Vorurteile. 

Frauenrechte im Koran 

Mehrere Koranverse verdeutlichen den Schutz und die Rechte der Frau im Familienleben: 

  • Sure 4:3 – Regelt Polygamie und schreibt Gleichbehandlung aller Ehefrauen vor: Ein  Mann darf mehrere Frauen nur heiraten, wenn er allen gegenüber gerecht sein kann. 
  • Sure 4:19 – Verbietet es, Frauen gegen ihren Willen zu heiraten/zu vererben, und gebietet  einen respektvollen Umgang: „… und behandelt sie gut“. 
  • Sure 2:228 – Betont gegenseitige Rechte und Pflichten von Mann und Frau in der Ehe und  spricht der Frau eine Wartezeit (Idda) nach Scheidung zu. 
  • Sure 2:231 – Fordert, Frauen nach einer Scheidung nicht zu schaden oder sie willkürlich  zurückzuhalten, sondern sie mit Güte zu behandeln. 
  • Sure 2:233 – Schreibt den Vätern die Verpflichtung zum Unterhalt der Mutter während  der Stillzeit vor: Das Wohlergehen der Mutter steht im Mittelpunkt. 
  • Sure 33:35 – Bestätigt die Gleichwertigkeit von Männern und Frauen im Glauben und  betont Gleichbehandlung vor Gott. 

Diese Verse legen Rechte wie Schutz vor Zwang, finanzielle Absicherung und gerechte  Behandlung für Frauen im familiären Rahmen fest und fordern eine Haltung von Respekt, Würde  und Mitbestimmung. 

Erfahrungen aus der Beratung 

In meiner Arbeit mit Ratsuchenden und Coachings erlebe ich immer wieder, wie schwer Frauen  unter den Folgen einer Trennung leiden. Viele berichten, dass ihre Ex-Ehemänner ihnen das  Leben gezielt erschweren – sei es durch finanziellen Druck oder durch Drohungen im  Zusammenhang mit den Kindern.

Die Angst, plötzlich mit der Verantwortung für die Kinder  alleine dazustehen oder im schlimmsten Fall das Sorgerecht zu verlieren, setzt die betroffenen  Frauen massiv unter Druck. 

Solche Drohungen wirken wie psychische Gewalt. Sie machen Frauen noch unsicherer und  verstärken eine Spirale der Abwertung, in der sie sich kaum noch handlungsfähig fühlen.  Besonders belastend wird es, wenn zusätzlich das Jugendamt eingeschaltet wird.

Viele  kopftuchtragende Frauen berichten, dass sie sich in solchen Situationen von vornherein  benachteiligt fühlen und das Vertrauen in eine faire Behandlung verlieren. Immer öfter kommt es  vor, dass Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld genommen werden, obwohl es dafür keinen  nachvollziehbaren Grund gibt. Diese Entwicklung ist erschreckend und verstärkt die  Verzweiflung vieler Betroffener.

Das Motto scheint oft zu lauten: „Friss oder stirb!“ – dabei wäre gerade im Umgang mit Kindern  ein respektvolles Miteinander entscheidend. Denn sie leiden am meisten, wenn Eltern ihre  Konflikte auf ihrem Rücken austragen. 

Fazit 

Der Islam sucht ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Familie, den Rechten der Frau und  der Möglichkeit zur Scheidung als letzte Lösung. Respekt, Gerechtigkeit und Fürsorge sind dabei  zentrale Prinzipien. Während kulturelle Traditionen geschiedenen Frauen oft zusätzliche Hürden  auferlegen, bleibt die islamische Lehre eindeutig:  

Die Würde und die Rechte der Frau sind zu bewahren, in der Ehe wie nach der Scheidung. 

Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen zudem, wie dringend diese Prinzipien heute gelebt werden  müssen: Frauen dürfen nicht durch Drohungen, gesellschaftlichen Druck oder institutionelle  Benachteiligungen noch weiter geschwächt werden, sondern brauchen denselben Schutz und  die Gerechtigkeit, die der Koran und die Sunna ihnen zusprechen. 

Über die Autorin 

Tamara Poeschke ist gelernte Heilpraktikerin. Schon in ihrer Praxis stand die  Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt. Während der Corona-Zeit orientierte sie sich neu  und arbeitet seither als Kinder-, Jugend- und Familiencoach. Sie war in Schulen und Kitas tätig,  bevor sie ihre heutige Berufung fand: geschiedene Frauen in ihrer schwersten Lebensphase zu  begleiten, nach einer Scheidung und manchmal schon währenddessen. Ihre Arbeit ist geprägt  von eigenen Erfahrungen, denn auch sie hat diese Zeit mit zwei kleinen Kindern selbst durchlebt.

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