Tamara Poeschke, Heilpraktikerin, Kinder- und Jugendcoach, Seelensorge, Begleitung nach der Scheidung, Unterstützung bei Co-Elternschaft
Sara und das Licht dieses Ramadan

Der erste Abend im Ramadan legte sich wie ein sanfter Schleier über die Stadt. In den Fenstern der Nachbarhäuser brannten Lichter, man hörte Geschirrklappern, gedämpftes Lachen, das Rascheln von Datteln in Schalen.

Sara stand in ihrer kleinen Küche und rührte in der Suppe.
Mustafa, der älteste Sohn, deckte den Tisch. Etwas schief, aber mit großer Ernsthaftigkeit.
Ali versuchte, die Datteln gerecht aufzuteilen, was regelmäßig in hitzige Diskussionen mit seiner kleinen Schwester Lillian endete, die darauf bestand, „die schönste“ zu bekommen.

„Denkt daran, wir warten auf den Adhan“, erinnerte Sara sie sanft. Sie lächelte. Und doch war da dieses leise Ziehen in ihrem Herzen. Es war ihr dritter Ramadan als geschiedene Frau.

Früher war der Tisch voller gewesen. Lauter vielleicht. Unruhiger. Jetzt war es ruhiger. Überschaubarer. Manchmal fühlte es sich friedlich an. Manchmal schmerzlich.

Wenn die Kinder abends schliefen, saß Sara oft noch lange wach. Nicht, weil sie musste, sondern weil die Gedanken dann lauter wurden. Rechnungen. Verantwortung. Entscheidungen.
Und diese eine Frage, die sie sich nie ganz eingestand: Bin ich genug?

Genug als Mutter.
Genug als Frau.
Genug für dieses Leben.

Am zweiten Fastentag fragte Mustafa plötzlich: „Mama, ist es schlimm, dass wir jetzt nur noch zu viert sind?“ Sara hielt inne. Bevor sie antworten konnte, sagte Isahn: „Nein, wir sind doch immer noch eine Familie.“ Lillian nickte entschlossen und stopfte sich ein Stück Fladenbrot in den Mund. In diesem Moment spürte Sara etwas Warmes in ihrer Brust. Vielleicht war ihre Familie kleiner geworden. Aber sie war nicht weniger wert.

Später in dieser Nacht, als die Kinder schliefen, stand Sara im Gebet. Die Wohnung war still. Kein Geräusch außer ihrem eigenen Atem.

Sie dachte an all die Frauen, die jetzt vielleicht auch wach waren. Verheiratete Frauen, die sich trotz Ehering einsam fühlten. Frauen, die den ganzen Tag dienten und organisierten und taten und deren Mühe als selbstverständlich galt. Frauen, die lächelten, während ihr Herz leise nach Wertschätzung rief.

Und sie dachte:
Vielleicht sieht uns niemand.
Aber Allah sieht uns.

Er sieht, wenn sie morgens verschlafen Suhur vorbereitet.
Er sieht, wenn sie ihre Müdigkeit hinunterschluckt, um geduldig zu bleiben.
Er sieht, wie sie stark ist für ihre Kinder, selbst wenn sie innerlich wankt.

Dieser Gedanke ließ sie weinen. Nicht aus Traurigkeit. Sondern aus Erleichterung.

Am Wochenende beschlossen sie, gemeinsam das Wohnzimmer zu schmücken. Mustafa bastelte eine etwas schiefe Ramadan-Girlande. Ali wollte unbedingt das Gebet anleiten. Lillian verteilte Glitzer überall, wo er definitiv nicht hingehörte.

Sara beobachtete sie und merkte, wie sich etwas in ihr veränderte. Dieser Ramadan musste nicht perfekt sein. Er musste nicht aussehen wie früher. Er musste nicht den Erwartungen anderer entsprechen.

Er durfte ihrer sein.
In der Einfachheit.
In der Ehrlichkeit.
In den kleinen, echten Momenten.

Am 27. Abend, als sie gemeinsam Dua machten, flüsterte Mustafa: „Ya Allah, mach meine Mama glücklich.“

Sara schluckte.
Vielleicht war sie müde.
Vielleicht war sie manchmal überfordert.
Vielleicht fühlte sie sich nicht immer gesehen.

Aber in diesem Moment wusste sie:
Sie war getragen.
Nicht von einem Ehemann.
Nicht von der Bestätigung anderer.
Sondern von ihrem Herrn.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich ihr Herz nicht schwer an, sondern weich. Dieser Ramadan hatte ihr nicht alles genommen. Er hatte ihr etwas zurückgegeben: Die Gewissheit, dass ihr Wert nicht an einem Status hängt. Dass ihre Mühe gesehen wird. Dass ihre Geduld zählt.

Und dass eine Frau, ob geschieden oder verheiratet niemals „nur selbstverständlich“ ist.

Sie ist eine Amanah. Eine Säule. Ein Licht.

Und manchmal beginnt Heilung genau in der Stille eines Abends, wenn eine Mutter mit drei Kindern am Tisch sitzt
und erkennt: Wir sind genug.

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